Der Kastrat als Supermeeri?

These: Wenn ein Meerschweinchenbock durch aggressives Verhalten oder Hypersexualität (Aufreiten) Probleme macht und die Halter daraufhin verzweifelt fragen, was man machen könnte, kommt von vielen Seiten als erstes der Rat, den Bock/die Böcke doch einfach kastrieren zu lassen. Dabei wird mit folgender Begründung argumentiert: Die Böcke würden dann viel ruhiger und ausgeglichener werden und bei zerstrittenen Böcken sei die Chance, dass sie sich als Kastraten wieder vertragen, sehr hoch.

Haltern von einer reinen Meerschweinchenmädelsgruppen, bei denen Gezicke und Gestreite vorherrschen, bekommen als ersten Tipp: unbedingt einen Kastraten dazu, der bringt Ruhe in die Gruppe und es herrscht ab dann nur mehr Friede, Freude und Eierkuchen in der Gruppe.

 

Zu dem Thema nehme ich eigentlich nur ungern kritische Stellung, aber da aus meiner Sicht einfach oftmals falsche Erwartungen geweckt werden, die zu Frustration und plötzlicher Unlust der Halter an den Tieren führen, erscheint es mir doch wichtiger, darauf näher einzugehen.

 

Warum ungern kritisch? Na, weil wir ein 100%iger Anhänger der liebenswerten Kastraten sind. Sie sind einfach anders als die Weibchen und nehmen irgendwie das Herz immer besonders ein. Sie haben zumeist „das gewisse Etwas“. Eine Damengruppe ohne Kastrat käme für uns z.B. nicht in Betracht, niemals würden wir auf diese Bereicherung verzichten wollen.

 

Den Rat zur Kastration gibt es auch gar nicht zu bekritteln, allerdings sollte er mit einer anderen Begründung und aus anderen Erwägungen erteilt werden.

 

Kastraten sind goldig, liebenswert, süß – aber sie sind keine Supermeeris, die einfach jedes Problem unter Kontrolle haben.

 

Was bedeutet überhaupt „Kastration“? Kastration ist die Entfernung der Keimdrüsen, bei Männchen sind das die Hoden, bei Weibchen die Eierstöcke. Kastration ist bei Böcken zwar kein riesengroßer Eingriff, aber nicht immer ungefährlich – insbesondere als Spätfolgen sind Wundheilungsstörungen und Abszesse keine Seltenheit. Die Kastration der Meerschweinchendamen ist hingegen ein schwerer Eingriff, da der Bauchraum aufgeschnitten werden muss, um die Eierstöcke entfernen zu können. Sie sollten daher nur dann kastriert werden, wenn dies medizinische Ursachen hat (Entfernung der Eierstöcke aufgrund Eierstockzysten). Ein kleiner Teil Testosteron wird übrigens auch nach einer Kastration noch in der Nebennierenrinde gebildet.

 

Bei gezeigter Aggression wird irrtümlich oftmals angenommen, dass diese immer eine Folge von überschüssigem Testosteron ist und mit Rangordnung und Status zu tun hat. Dies ist so aber nicht in allen Fällen richtig. Grundsätzlich kann Agression mehrere Ursachen haben:

 

Es kann z.B. eine Angst-, Unsicherheits- oder Panikaggression sein, die unabhängig vom Testosteronspiegel ist, sondern eher mit einem erhöhten Cortisolspiegel zu tun hat (Cortisol ist ein Stresshormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird). Das Dumme an der Sache ist, dass gerade die männlichen Sexualhormone die Bildung des Stresshormons Cortisols hemmen würden, sodass Testosteron sogar eine angstlösende Wirkung hat. Nimmt man die Sexualhormone dann durch die Kastration weg, so werden die Tiere noch unsicherer und die Aggression kann sich sogar verstärken. Auch die sogenannte Futteraggression führt auf einen Überschuss von Cortisol zurück.

 

Bei der Selbstverteidigungs- oder Selbstschutzaggression hat man darüber hinaus noch eine besondere Problematik: hat das Tier durch mehrmaliges Wiederholen einmal gelernt, dass es durch Aggression aus einer für ihn bedrohlichen Situation herauskommt, so wird es dieses Verhalten als erfolgsversprechend für die Zukunft abspeichern und wiederholen.

 

Tatsächlich ist Testosteron jedoch an der echten Wettbewerbs- , Rangordnungs- Territorial- oder Statusaggression“ beteiligt, jedoch im Zusammenspiel mit Serotonin und Dopamin (sogenannte „Glückshormone“). Eigentlich ist ja das Serotonin für rangverbessende und statusbedingte Verhaltensweisen zuständig. Erst, wenn dieser Rang gesichert ist, wird er dann mittels Testosteron verteidigt. Das Zusammenspiel zwischen den Hormonen ist hier sehr kompliziert – nebenbei gibt es das Problem, dass Testosteron trotz Kastration ja in geringen Mengen auch in der Nebennierenrinde weiter gebildet wird und dass dieser geringe Spiegel im Zusammenhang mit den anderen Hormonen auch weiterhin zu einer Statusaggression führen kann.

 

Selbst die Hypersexualität wird oftmals fälschlicherweise auf Testosteronüberschuss zurückgeführt. Tatsache ist jedoch, dass das Aufreiten oftmals eine reine Übersprungshandlung ist, die zum Stressabbau dienen soll. Häufig haben sich die Jungs auch einfach ein bewegungsstereotypisches Verhalten zugelegt, das nicht abgelegt wird, weil auch dieses wiederum zur Beruhigung dient.

 

Es gibt viele Fälle, wo die Kastraten selbst Jahre nach Kastration ihren „Pflichten“ geflissentlich nachkommen. Besonders häufig kommt das natürlich bei jenen Kastraten vor, die zuvor schon mal im Deckeinsatz waren. Aber selbst Frühkastraten können Weiberer bleiben. Unser Flo ist der beste Beweis dafür! Erklärt ist das eigentlich sehr einfach: auch bei Tieren wird bei Sexualität das Glückshormon „Dopamin“ ausgelöst – auf gut Deutsch: sie haben gelernt, dass Sex Spaß macht und aufgrund dieser Lernerfahrung reichen die geringen Mengen des Testosterons, die weiterhin in der Nebennierenrinde produziert werden aus, damit der Kastrat sich fröhlich weiter sexuell betätigt. Denn dieser Bewegungsablauf wurde durch die Verknüpfung im Gehirn so fixiert, dass es fast keine Testosteronproduktion mehr braucht, um ihn auszulösen. Eine weitere Erklärung für das Aufreiten liegt – insbesondere auch bei Frühkastraten  - in den hormonellen Einflüssen, die bereits im Mutterleib passieren. Man spricht hier von der sogenannten „bahnenden Wirkung“ des Testosterons im Gehirn des Embryos, sodass später ein visueller Reiz ausreicht (Dame hält ihr Hinterteil hin), damit dieses Verhalten aktiviert wird. Die Mengen des Testosterons, die über die Nebennierenrinde gebildet wird, reichen also hier ebenso aus.

 

Nun noch zum Thema: Kastrat als Streitschlichter und Obermacker in einer Weibchenbande“. Ich kann dazu aus eigenen vergangenen und jetzigen Erfahrungen nur eines sagen: Nicht jeder Kastrat ist dazu geboren. Viele haben in einer Weibchengruppe aber auch sowas von gar nichts zu sagen, dass es einem fast weh tun könnte. Nicht jedes Männchen fühlt sich nun mal zum Streitschlichter berufen, viele sind froh, wenn sie einfach ihre Ruhe haben und nicht in den Streit mit hineingezogen werden. Gezicke ist hier dann keinesfalls weniger! Wenn man also einen Chef für seine Damengruppe sucht, muss man gezielt nach einem Macho suchen – am besten bei engagierten Notstellen oder Züchtern, die ihre Tiere dazu sehr, sehr gut kennen müssen. Dabei sollte jedoch nicht außer Betracht gelassen werden, dass oftmals der größte Macho in einer Damengruppe zu einem unscheinbaren, stillen Mitläufer in einer anderen Gruppe mutieren kann. Das Sozialgefüge der Meerschweinchen ist einfach zu kompliziert, um einfache Regeln aufstellen zu können.

 

Zusammengefasst kann man sagen:

1) Kastration bedeutet keinesfalls, dass damit eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen aggressiven Gruppenmitgliedern einer Bockgruppe auftreten muss!

2)  Insbesondere zwei wirklich schon zerstrittene Böcke, bei denen es heftige Bisswunden und Streitigkeiten gegeben hat, werden zumeist trotz Kastration keine Freunde mehr. Vielleicht mögen sie kurz nach der Kastration durch den Eingriff selbst etwas kleinlauter geworden sein, mit der Zeit geht der Krach aber häufig von vorne los.

3) Kastraten sind keine Supermeeris, die sich tapfer in jeden Streit der Meeridamen stürzen und als Obermacho ihr Rudel unter Kontrolle haben. Es gibt sehr wohl solche „Helden“. Aber nicht jeder Kastrat ist zu so einem Helden auch geboren :-)  (meine persönlichen Erfahrungen: die wenigsten^^)

4) Kastration bedeutet nicht automatisch kein Aufreiten mehr. Ein Kastrat kann nach der Kastration das Sexualleben einstellen, muss es aber nicht. Es gibt also sexuell weiter aktive Männchen wie sexuell desinteressierte. Ein bisschen spielt wohl auch dabei der Charakter eine Rolle. Genauso sind auch Frühkastraten nicht automatisch „asexuell“, nur weil sie nicht so von Testosteron betroffen waren. Es gibt durchwegs auch solche, die weiterhin sexuell aktiv bleiben (eigene, mehrfach gemachte Erfahrungen).

5)  Der Rat, zwei zerstrittene Böcke erst mal kastrieren zu lassen, ist trotzdem sinnvoll. Aber aus einem ganz anderen Grund, als zumeist fälschlich „versprochen“ wird, wie wir oben gesehen haben. Wenn tatsächlich Testosteron der Auslöser für die Aggressionen war, findet die Kastration ihren Erfolg und ein Zusammenleben wird möglich. Waren jedoch andere Faktoren verantwortlich, kann man so zumindest die Streithähne dann trennen und ihnen jeweils die Gesellschaft von Damen gönnen. Mit diesen offenen Karten sollte man einfach beim Rat zur Kastration spielen. So kann die Frustration der Besitzer, die sich von einer Kastration ganz was anderes erwartet haben („lass kastrieren, die werden sicher ruhiger und alles wird gut“) vermieden werden. Sie können sich ganz anders zu dem Thema einstellen und besser schon im Voraus planen! Damit hilft man den Tieren im Endeffekt mehr als mit falschen, wenn auch oftmals sicherlich gut gemeinten, Versprechungen.