Warum schaut man eigentlich immer nur auf Wildmeerschweinchen bei der Ernährung?

 

These: "Wurzelgemüse ist ein schädlicher Dickmacher. Wurzelgemüse (also Karotten, Pastinaken, Petersilienwurzel, alle Arten von Speiserüben, Sellerieknolle, aber auch rote Rüben/rote Beete) enthält nur Kohlenhydrate, die von den Meeris sowieso nicht verdaut werden können. Wildmeerschweinchen fressen ja auch kein Wurzelgemüse."

 

Dass jegliche Form von Gemüse Kohlenhydrate enthält, möchte ich auch hier keinesfalls bestreiten. Was allerdings in diesem Zusammenhang beachtet werden sollte ist, dass Gras/Wiesengrün auch kein kohlehydratarmes Futter ist. Ich habe schon unterschiedliche Angaben hinsichtlich Kohlenhydratanteils gelesen, aber bei Gras wird er durchschnittlich mit 20 bis 50 g KHs pro Kilo angegeben. Wurzelgemüse enthält ca. – je nach Art – 50 bis 60 g KHs pro Kilo. Die anderen Gemüsesorten wie Salate, Gurke etc. liegen bei ca. 20g pro Kilo. Das sind allesamt nur Richtwerte!

 

Gras liegt also durchschnittlich über den Kohlehydratwerten des sonstigen Gemüses und ca. gleich mit den Kohlehydratwerten des Wurzelgemüses. Als Schlankmacher würde ich es daher auch nicht bezeichnen. Was jedoch beim Gras im Gegensatz zum Wurzelgemüse noch dazu kommt ist, dass es auch einen hohen Proteinanteil enthält. Eiweiß (Protein) und Kohlehydrate liefern den gleichen Brennwert. Jeweils 4 kcal pro 1 gramm. Gras ist so gesehen dann sogar der größere Dickmacher.

 

Zumeist kommt dann als Gegenargument, dass Gras wohl einen wesentlich höheren Volumenanteil wie das Wurzelgemüse hätte. Sprich, dass man wesentlich mehr Gras füttern müsste, um auf den gleichen Kohlehydratanteil zu kommen wie z.B. bei Karotten. 200 Gramm Gras schaut auch wesentlich mehr aus wie 200 Gramm Karotten. Aber nur, weil es wesentlich mehr ausschaut, hat es trotzdem die gleiche Menge an Kohlehydraten. Oder besser anhand der Ernährung unserer Tiere erklärt: Wir geben auch wesentlich mehr Gras als Karotten. 1kg Gras ist bei uns sicherlich keine Seltenheit. 1 kg Karotten kommt aber nie vor.

 

Das letzte Gegenargument ist, dass die Kohlenhydrate im Gemüse andere seien als die im Gegensatz zu Gras (Stichwort: Ein/Zweifachzucker zu Mehrfachzucker). Außerdem hätte Gemüse einen niedrigen Rohfasergehalt und könnte damit zu Verdauungsproblemen führen.

Ich muss mich im Zusammenhang mit dieser Aussage ehrlich gesagt schon wundern, warum im Laufe meiner Meerschweinchenkarriere bei Verdauungsproblemen immer eine Heu-Karotten-Kombination die besten Erfolge erzielte. Auch bei einem Wurmbefall waren damals die Karotten meine Retter in der Not. Nach der obigen Theorie sollten ja gerade diese wieder zu erhöhtem Durchfall geführt haben. Gut, Möglichkeit Nummer 1 ist, dass da ja eh eine Kombination mit Heu und damit hohem Rohfasergehalt (durch das Heu) vorlag.

 

Aber es gibt eine weitere Erklärung: Diese Theorie hinsichtlich Wurzelgemüse wurde wieder von der Ernährungstheorie bei Kaninchen auf die Meerschweinchen übertragen, ohne die Herkunft und die Geschichte der beiden Tierarten zu berücksichtigen.

Meerschweinchen werden, je nach Schätzung schon seit ca. 3000 – 4000 Jahren von den Menschen (Inkas) gezüchtet. Diese Annahme beruht auf Vasenfunden aus dieser Zeit, die bereits Meerschweinchen abbildeten und darauf, dass sie zu dieser Zeit schon Grabbeigaben waren. Es gibt sogar Annahmen, nach denen die Meerschweinchen bereits 4000-5000 Jahre vor Christus (a.D.) Begleiter der Menschen sind. Meerschweinchen dienten schon damals als Fleischquelle, aber insbesondere auch bei den Inkas als Opfertiere, wie (leider) heute noch. Durch die Spanier kamen die Meerschweinchen nach der Entdeckung Amerikas nach Europa (ca. im Jahr 1530), dort hat man auch die Vorliebe für sie entdeckt und aus diesen mitgenommen Meerschweinchen wurden im Laufe der Zeit unsere heutigen Hausmeerschweinchen gezüchtet. Bei Kaninchen wird eine Zucht erst seit dem Mittelalter angenommen. Das sind also zwei ganz unterschiedliche Zeitrahmen. Die gezüchteten Meerschweinchen lebten aller Voraussicht nach schon bei den Menschen oder zumindest in Nähe der Menschen und wurden wahrscheinlich sogar schon „eingesperrt“, wobei ich damit nicht die Käfighaltung meine. Ich glaube, ihr kennt ja alle die Berichte über die Meerschweinchen in Peru, die in den Häusern der Menschen leben. Daraus ergibt sich, dass die Tiere auf die Fütterung durch die Menschen angewiesen waren und wahrscheinlich ganz einfach von den Küchenabfällen lebten (in diesem Zusammenhang lässt sich übrigens auch die Theorie der ad. Lib. Befürworter von wegen „üppiges Wiesengrün und jederzeitige zur Verfügung stehende Nahrung“ hinterfragen…aber lassen wir das jetzt mal..).

 

Die Menschen von damals betrieben schon Ackerbau (nicht vergessen: Anden – karge Erträgnisse, die man aufbessern musste, um überleben zu können). Ackerbau ist jetzt nicht im Sinne des Anbaus von Getreide, sondern im Sinne von „Feldfrüchten“, sprich ähnlich unseren Kartoffeln, zu verstehen. Es wird angenommen, dass diese alten Feldfrüchte unserem heutigen Wurzelgemüse zumindest ähnlich sind. Die Vorfahren unsere Meerschweinchen waren also bereits an Wurzelgemüse gewöhnt und damit könnte dieses auch für die heutigen Hausmeerschweinchen doch nicht so schlecht sein…. Im Gegenteil – treibt man dies zur Spitze, müsste man sogar annehmen, dass Wurzelgemüse viel eher „artgerecht“ für Hausmeerschweinchen ist, als z.B. Blattgemüse!

 

Bei Kaninchen erscheint es mir aufgrund des relativ kurzen Zeitraums, seitdem sie bewusst gezüchtet wurden, sinnvoll, sich eher an den Wildtieren orientieren.

 

Aber bei Meerschweinchen gibt es bereits eine jahrtausend lange Geschichte an gezüchteten Meerschweinchen, warum müssen wir uns angeblich noch immer an den Wildmeerschweinchen orientieren und halten uns nicht einfach an die Vorfahren?

 

Na…welche Theorie stimmt jetzt???

 

Unsere Meeris werden jedenfalls weiterhin unbedenklich Karotten bekommen. Und Ihr solltet Euch das Wurzelgemüse auch nicht vermiesen lassen! Vertragen es Eure Tiere, kein Problem. Bei Tieren, die zu Übergewicht neigen, sollte es jedoch selbstverständlich nicht zum Hauptfutter gehören.