Ein bisschen Geschichte und Erdkunde braucht es leider, um sich einen besseren Überblick verschaffen zu können!

Will man Ernährungstheorien auf ihre Stimmigkeit überprüfen, kommt man nicht darüber hinweg, sich mit der Geschichte der Domestizierung unserer Hausmeerschweinchen und ihrer ursprünglichen natürlichen Umgebung zu beschäftigen. Ich habe dies bereits unter den einzelnen Punkten bei Ernährungsmythen bei Bedarf vorgenommen, wurde jedoch auch angeregt, einen allgemeinen Überblick zu verfassen.

 

 

Allgemeine biologische Einteilung:

 

Die Meerschweinchen gehören zur Ordnung der Nagetiere. Als Vorfahren der heutigen Meerschweinchen gelten die Vertreter der Gattung Cavia (Wildmeersschweinchen), die neben den Wieselmeerschweinchen, Zwergmeerschweinchen und Bergmeerschweinchen in die Unterfamilie Caviinae zusammengefasst werden.

 

Zuerst einmal ein kleiner geschichtlicher Überblick, wie unsere Hausmeerschweinchen eigentlich zu Hausmeerschweinchen wurden:

 

Meerschweinchen sind eine der ältesten Haustier-Begleiter der Menschen. Ihre Domestizierung führt auf die Inkas zurück und begann gesichert durch sogenannte "Vasenfunde", auf denen sie bereits dargestellt wurden, 1000 Jahre vor Christus Geburt (also vor über 3000 Jahren). Ewringmann und Morales schätzen sogar, dass Meerschweinchen schon vor 4000-5000  von den Menschen domestiziert wurden. Vor ca. 5000 Jahren wurden die Inkas nämlich erstmals sesshaft und man vermutet, dass die Meerschweinchen von sich aus die Nähe der Menschen als Schutz vor natürlichen Fressfeinden suchten und von den Inkas zu den Zeiten bereits geduldet wurden. Vor 3000 Jahren begannen die Inkas die Meerschweinchen dann gezielt zu züchten. Die Knochenfunde von Meerschweinchen aus dieser Zeit zeigen damals nämlich schon einen deutlichen Unterschied zu denen der Wildmeerschweinchen (diese Erkenntnis ist dem deutschen Zoologen Alfred Nehring zu verdanken, der dies bei Ausgrabungen entdeckte). Bei den Inkas waren die Meerschweinchen geschätzte Opfertiere, eine Rolle, die ihnen leider auch heute noch bei den Naturheilern in Peru zukommt. Sie züchteten vor allem gezielt rote und weiße Tiere.  Schon damals wurden sie auch als Grabbeigaben den Verstorbenen, sozusagen als Wegzehrung und Opferbeigabe für die Götter verwendet. Die Inkas hielten die Meerschweinchen entweder in extra für sie angelegte Gruben oder direkt in den Häusern. Diese Haltung wird auch heute noch in den Bergen der Anden praktiziert.  Ernährt wurden sie schon damals vorwiegend von den Küchenabfällen. Heutzutage dienen sie in Peru vor allem als Fleischlieferanten, es wird daher auf besonders große und schwere Meerschweinchen (Cuys) Wert gelegt. Zusammengefasst kann man sagen, dass die Meerschweinchen zumindest schon gesichert seit 3000 Jahren in menschlicher Obhut und von der Fütterung dieser abhängig waren. Man betrieb schon in der Frühzeit - wie auch heute noch - Ackerbau in Form von Anbau von Feldfrüchten ( heute sind das Kartoffeln und Oca) sowie Getreide. Die Meerschweinchen sind also zumindest gesichert schon seit 3000 Jahren an die Fütterung mit Feldfrüchten gewöhnt. Man nimmt an, dass die frühzeitlichen Feldfrüchte unserem Wurzelgemüse ähnlich gewesen sein könnten.

 

Den Siegeszug bei uns verdanken sie spanischen und holländischen Seefahrern. Diese haben die gezüchteten Meerschweinchen ca um 1530 auf den Märkten Perus entdeckt und als Fleischlieferanten für die Überfahrten mitgenommen. Im Jahr 1554 wurden die Meerschweinchen dann bereits auf Tierschauen gezeigt und von dem Schweizer Naturforscher Konrad Gessner in der Literatur beschrieben. In Europa setzten sie sich als Fleischlieferanten nicht durch, wurden jedoch aufgrund ihrer anspruchslosen Haltung und des freundlichen Wesens als Begleiter für Kinder entdeckt. Man begann die Meerschweinchen auch bewusst im Äußeren zu verändern und so entstanden die ersten Rassetiere: Glatthaarmeerschweinen, Rosetten und Langhaarmeerschweinchen. Im 19. Jahrhundert erhielten sie dann die tragische Bedeutung eines geschätzten Labortiers für Untersuchungen.

 

Fazit: Unsere heutigen Hausmeerschweinchen stammen nicht von den Wildmeerschweinchen ab, sie sind "nur" mit diesen verwandt. Ein Vergleich alleine auf die Wildmeerschweinchen als Vorfahren erscheint insbesondere im Hinblick auf die lange Geschichte der Domestizierung (im Gegensatz zu anderen Nagern, wie z.B. auch Kaninchen, der erst im Mittelalter domestiziert wurden) nicht passend. Insbesondere bei vielen Ernährungsansichten sollte dieser Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Meine Schlussfolgerungen dazu findet ihr insbesondere HIER.

 

Der Lebensraum der Wildmeerschweinchen:

Die Wildmeerschweinchen sind in Südamerika verbreitet und leben in Ecuador, Surinam, Uruguay, Ost- und Südbrasilien bis hin zum nördlichen Argentinien. Sie sind dabei sowohl in sumpfigen Niederungen, wie auch Trockensavannen, Grasland, Buschland und - wie wohl am bekanntesten - in den Höhen der Anden (bis zu 4500m Höhe) zu finden. Sie leben dort in Felsspalten und Erdhöhlen.

 

Insbesondere zu den Anden gibt es Untersuchung (auch) über die Verbreitung der  Meerschweinchen in dieser englischen Studie.

 

Ich möchte euch zur Erleichterung nun ein Bild über die Höhenstufen der Anden mit der Vegetation zeigen:

 

Die Meerschweinchen leben laut oben erwähnter Studie in der Tierra fria (kaltes Land) und Tierra helada (eisiges Land).

 

In den feuchten Gebieten der Tierra fria wächst ein immergrüner Höhen- oder Nebelwald, die Jahresdurchschnittstemperaturen liegen bei 10–17°C. Als Feldfrüchte dominieren Weizen, Gerste und Kartoffeln. In den trockenen Gebieten gibt es zumindest immer noch Weidegras (das jedoch nichts mit unseren heimischen Gräsern zu tun hat,) daher findet man dort auch noch Rinder.

 

In den anschließenden Tierra helada wirds allerdings für die Wildmeerschweinchen schon unangenehmer. Hier liegen die mittleren Jahrestemperaturen bei etwa 0–10°C. Lamas sind dort übrigens auch zu finden.

 

In der Tierra helada herrscht nur noch kümmerlicher Vegetation vor. In den seltenen feuchten Bereichen findet man noch Rosettenpflanzen, wo jedoch nur wenig Niederschlag fällt und auch Nebel keine Feuchtigkeit spenden kann, bestimmt die Punavegetation mit ihren an die Trockenheit angepassten Gräsern und Sträuchern die Landschaft. In den Anden gibt es - trotz ihrer Höhe - übrigens nur wenig Niederschlag. Weite Hochflächen, die als "Altiplano" bezeichnet werden, haben ein trockenes Wüstenklima. In den Anden müssen die Wildmeerschweinchen mit ungewöhnlichen Verhältnissen zurechtkommen: Mit einer sauerstoffarmen Atmosphäre, raschem Temperaturwechsel, bitterer Kälte und intensiver Sonneneinstrahlung. In vielen Gebieten verstärken beißende Winde und sehr geringe Niederschlagsmengen noch die Unwirklichkeit der rauen Umgebung.

 

Zur nochmaligen Verdeutlichung, Bilder der Punavegetation in den Anden mit dem sogenannten Punagras, Stipa ichu,  das dort dominiert:

 


Wie ihr seht, das Stipa Ichu hat relativ wenig mit unserem Wiesengrün zu tun und ist da gerade noch dem Heu etwas ähnlich.

 

Vielleicht würden Wildmeerschweinchen von dort lieber unser Wiesengrün kaufen, sie können dies jedoch nicht (und scheinen dort trotzdem überleben zu können). Meine Schlussfolgerungen dazu findet ihr insbesondere HIER.

 

Es stellen sich bei der Ernährung deiner Meerschweinchen also folgende Fragen:

 

1) sind deine Lieblinge Nachkömmlinge der domestizierten Inka-Meerschweinchen und damit an rationierte Ernährung durch die Menschen mit hauptsächlich Feldfrüchten (ev. Wurzelgemüse) gewöhnt?

 

2) Oder sind die Vorfahren deiner Lieblinge direkte Abkömmlinge der jetzigen Wildmeerschweinchen? Aber wenn ja, in welchem Gebiet und in welcher Vegetationsstufe haben sie gelebt? Konnten sie in immergrünen Weiden schwelgen oder mussten sie sich mit dem Puna-Gras zufrieden geben?

 

3) Ist es nicht einfach doch das Beste, die gesamten Ernährungstheorien mit "wissenschaftlichem" Hintergrund einfach als das zu sehen, was sie sind? Als "Theorien" die du anhand DEINER Tiere immer wieder aufs Neue in der Praxis erst überprüfen musst bevor du erkennen kannst, ob diese für deine Tiere passend sind oder nicht? Und das Ganze unabhängig davon, was dir andere "Experten" dazu einreden wollen?